Foto: Oliver Killig
Bartòk - 2. Streichquartett
Wir sind davon überzeugt, dass man für das Verständnis guter Musik über keinerlei Vorwissen verfügen muss, da sie uns - auf welche Art auch immer – schon erreichen wird. So verhält es sich auch mit Bartóks Streichquartetten, die vor rund 100 Jahren einen neuen Standard in Sachen Spieltechnik und Ensemblespiel setzten.
Es ist also keine schlechte Herangehensweise, den Klängen, Motiven und Rhythmen neugierig zu lauschen, dabei ergebnisoffen zu beobachten, was sie möglicherweise emotional auslösen, und über die Kunstfertigkeit und Virtuosität des Ensembles zu staunen. Was könnte darüber hinaus beim Hören helfen?
Bartók wird oft als äußerst feinfühliger Mensch beschrieben. Zwischen Sensibilität und Empathie auf der einen Seite und ausgeprägtem Geruchssinn auf der anderen hat die Wissenschaft schon länger einen Zusammenhang entdeckt, so dass es nicht verwundert, dass man auch von Bartók sagt, er hätte eine besonders feine Nase gehabt. Seine Musik hat bei aller Neigung zu teils recht strengen Formen und der ganz eigenen und einzigartigen Musiksprache stets eine besondere Emotionalität, Menschlichkeit, ja oft einen musikantischen Gestus.
Zwangsläufig ist Bartók wie wir alle Kind seiner Zeit. Der Erste Weltkrieg, während dessen das 2. Streichquartett entstand, spielt eine Rolle. Zum einen konnte Bartók seine Feldstudien zu Volksmusik außerhalb der Grenzen Ungarns nicht fortsetzen, dafür sich aber mit seinen Aufnahmen von der Reise nach Algerien vor dem Krieg eingehend beschäftigen. Zum anderen spürt man im ersten Satz, den sein Komponistenfreund Zoltan Kodály nach der Uraufführung „Ruhiges Leben“ übertitelte, ein Sehnen nach Frieden, im dritten Satz dann das Leiden unter dem Krieg. Hier klingt Volksmusik aus Ungarn an, so wie im zweiten Satz Motive auftauchen, die an die bei den Berbern aufgenommenen Weisen erinnern. Dabei darf man nicht vergessen, dass Ungarn allein durch die türkische Herrschaft ein kultureller Melting Pot war und orientalische Einflüsse keine Seltenheit. Die Begleitung im 2. Satz hat etwas von nordafrikanischen Trommeln, für einen kurzen Moment wird es dann wienerisch serenadenhaft.
Bartók wäre aber kein so großer Künstler, würde er die Volksmusiken nur zitieren. Sie bleibt immer - wie er sagte – „imaginär“. Imaginär mögen auch alle Assoziationen sein, die Sie während der Aufführung haben.
Text: Eva Dollfuss
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